Irreführende Werbung von Medspa für Kinderwunschbehandlungen im Nadezhda Hospital, Sofia, Bulgarien

 

Wenn IVF-Marketing und Realität nicht übereinstimmen: Meine Erfahrung mit einer bulgarischen Kinderwunschklinik

Wenn man mit Unfruchtbarkeit kämpft, ist man verletzlich. Man sucht nach Hoffnung — und Kinderwunschkliniken wissen das. Ihre Websites sind voller beruhigender Versprechen: hohe Erfolgsraten, personalisierte Betreuung, ethische Spenderprogramme und All-inclusive-Pakete.

Doch die Realität sieht oft ganz anders aus, sobald die Behandlung beginnt.

Ich teile meine Erfahrungen mit dem Nadezhda Women’s Health Hospital in Sofia, Bulgarien, nicht um zu sensationalisieren, sondern um anderen Frauen zu helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen — insbesondere jenen, die eine grenzüberschreitende IVF mit Spender-Eizellen in Betracht ziehen.


Was die Klinik verspricht

Laut Website bietet die Klinik:

  • Hohe Erfolgsraten mit über 5.000 IVF-Zyklen pro Jahr

  • Behandlung komplexer Fälle (fortgeschrittenes Alter, dünnes Endometrium, wiederholte Fehlgeburten)

  • „Innovationen und maßgeschneiderte Ansätze“ für jede Patientin

  • Spender-Eizellen-IVF für Empfängerinnen bis 53 Jahre

  • Wettbewerbsfähige All-inclusive-Pakete

  • Englischsprachige Ärzte, Beratung, Akupunktur und Unterstützung für internationale Patientinnen

  • Niedrige Komplikationsraten

Auf dem Papier klingt das nach umfassender, patientenzentrierter Versorgung.


Meine tatsächliche Erfahrung

Leider entsprach meine Erfahrung nicht diesen Versprechen.

1. Minimale Aufnahme, keine echte Individualisierung
Meine Erstberatung dauerte weniger als fünf Minuten:

  • Keine detaillierte Anamnese

  • Keine gynäkologische Untersuchung

  • Keine Diskussion über endokrine oder autoimmune Faktoren

Das ist keine „maßgeschneiderte Betreuung“, sondern ein standardisiertes Paket ohne sinnvolle Bewertung. In einer richtigen Kinderwunschklinik werden umfassende Informationen gesammelt, um die Behandlung anzupassen. Hier galt: Je weniger die Klinik wusste, desto leichter konnte sie ein Einheitsprotokoll anwenden.


2. Mangelnde Transparenz bei Spender-Eizellen
Ich erhielt nicht:

  • Ein überprüfbares Spenderprofil

  • Dokumentation zu Infektionskrankheiten

  • Rückverfolgbarkeitsunterlagen, die die Eizellen dem ausgewählten Spender zuordnen

Stattdessen wurde ich unter Druck gesetzt, zuzustimmen, ohne vollständig informiert zu sein. Dies widerspricht direkt den behaupteten ethischen, patientenzentrierten Standards.


3. „All-inclusive“-Pakete, die nicht inklusiv sind
Das beworbene Spender-Eizellen-Paket endet beim Embryotransfer — ein Fakt, über den ich erst am Tag des Transfers informiert wurde.

In Wirklichkeit:

  • Östrogen- und Progesteron-Medikamente mussten separat gekauft werden

  • Ein Post-Transfer-Medikationspaket war verpflichtend

  • Keine Nachsorge nach dem Transfer inbegriffen

Die medizinisch kritischste Phase der IVF — die Nachbetreuung — war ausgeschlossen.

Als ich später einen unabhängigen Arzt für die Nachsorge fand, musste ich Rückverfolgbarkeitsdokumente der Spender-Eizellen vorlegen. Das Krankenhaus verweigerte die Herausgabe.

Ohne diese Dokumente:

  • Keine volle medizinische Nachsorge möglich

  • Einschränkung auf das starre Medikamentenpaket der Klinik

  • Schilddrüsenmanagement und Hormonoptimierung ausgeschlossen

  • Keine Bestätigung, ob meine Präferenzen beim Spender-Phänotyp berücksichtigt wurden

Dies machte eine weitere Embryotransfer-Behandlung unmöglich.


4. Beratung und Unterstützung waren größtenteils illusorisch
Obwohl Beratung und emotionale Unterstützung auf der Website hervorgehoben werden, beschränkten sich meine Erfahrungen auf logistische Unterstützung — Flughafentransfers, Terminplanung und Koordination. Es gab keine wirkliche psychologische oder medizinische Beratung, die informierte Entscheidungen unterstützt hätte.


5. Warum „hohe Erfolgsraten“ irreführend sind
Hohe Erfolgsraten sind ein starkes Marketinginstrument, erzählen aber selten die ganze Geschichte:

  • Oft werden Spender- und Nicht-Spenderzyklen kombiniert

  • Mehrere Versuche pro Patientin werden gezählt

  • Abgebrochene oder komplizierte Fälle ausgeschlossen

  • Ethische oder zustimmungsbezogene Probleme ignoriert

Eine hohe Erfolgsrate garantiert keine Transparenz, Sicherheit oder individuelle Betreuung.


6. Warum „niedrige Komplikationsraten“ ebenfalls irreführend sind
Die Klinik gibt niedrige Komplikationsraten an, doch diese Angaben sind kaum überprüfbar:

  • Das Behandlungspaket endet beim Embryotransfer

  • Komplikationen treten oft nach dem Transfer auf (Implantationsfehler, Fehlgeburten, Medikamentenreaktionen)

  • Post-Transfer-Medikamente werden nicht überwacht

  • Keine Langzeitnachsorge

Eine Klinik kann keine niedrige Komplikationsrate verantwortungsvoll behaupten, wenn sie die kritischste Phase der Behandlung nicht überwacht.


7. Breite Zustimmung und Risiken bei Spender-Austausch
Viele Kliniken nutzen allgemeine Zustimmungsformulierungen wie:

„Die Patientin stimmt den vom Krankenhaus ausgewählten Spender-Eizellen zu, einschließlich Austausch, falls notwendig.“

Rechtlich schützt dies die Klinik. Ethisch schwächt es die Autonomie der Patientin.

Der Dienstleistungsvertrag verspricht Behandlung, nicht einen bestimmten Spender oder Phänotyp. So kann die Klinik behaupten, rechtlich korrekt gehandelt zu haben, auch wenn die Eizellen nicht dem gewählten Spender entsprechen.


8. Warum Spender-IDs allein kein Beweis sind
Patientinnen nehmen oft an, dass eine Spender-ID garantiert, welche Eizellen verwendet wurden. Bei grenzüberschreitender IVF stimmt das nicht unbedingt.

Ohne lückenlose Dokumentation können Patientinnen nicht unabhängig bestätigen:

  • Herkunft der Eizellen

  • Übereinstimmung mit dem gewählten Spenderprofil

  • Durchführung des erforderlichen Screenings

Dies ist ein strukturelles Transparenzproblem, kein Nachweis von Fehlverhalten — macht aber eine echte informierte Zustimmung unmöglich.


9. Regulatorische Überprüfung vs. Patientenverifikation
Regulatoren akzeptieren oft eine Bestätigung (Attestation) der Klinik, z. B. dass Verfahren eingehalten wurden. Es besteht jedoch keine Verpflichtung, Versand- oder Screening-Dokumente an die Patientin zu zeigen.

Warum das relevant ist:
Allein eine Attestation ist medizinisch unzureichend. Ohne Screening-Dokumente gibt es keine Möglichkeit zu überprüfen, ob Eizellen potenziellen Infektionen ausgesetzt waren (HIV, Hepatitis B/C, Syphilis etc.). Patientinnen sollen irreversible Risiken auf Basis von Vertrauen, nicht Beweis, akzeptieren.


10. Versand als einziger wirklicher Verifikationspunkt
Wenn Embryonen oder Gameten physisch verschickt werden, sind erforderlich:

  • Kurier- und Versanddokumente

  • Import-/Export-Papiere

  • Temperatur- und Aufbewahrungsprotokolle

  • Drittanbieter-Verifikation

Dies ist der einzige Moment, in dem interne Angaben extern überprüfbar werden. Deshalb verzögern Kliniken manchmal den Versand unbegrenzt.

Warum das wichtig ist:
Nach dem Transfer ist eine Schwangerschaft irreversibel. Wenn Rückverfolgbarkeit und Gesundheitsdokumente vorher zurückgehalten werden, ist informierte Zustimmung fundamental kompromittiert.


Wichtige Erkenntnisse für Patientinnen

  • Marketing ≠ Transparenz

  • Attestation ≠ Verifikation

  • Spender-IDs ≠ Beweis

  • „All-inclusive“ schließt kritische Versorgung oft aus

  • Gesundheitsrisiken können ohne Dokumentation nicht beurteilt werden

  • Spender-Eizellen aus Nicht-EU-Ländern ohne volle Rückverfolgbarkeit, Screening und Dokumentation sollten nicht akzeptiert werden


Abschließender Gedanke
Dein Körper, deine Gesundheit und dein zukünftiges Kind verdienen mehr als glänzende Versprechen.
Stelle kritische Fragen. Fordere Dokumentation. Verstehe: Vertrauen ohne Verifikation ist keine informierte Zustimmung.

Deine Sicherheit ist wichtiger als Marketing.

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